Die 1.Vermessung des Mount Everest:

Im Jahre 1808 begannen die Briten eine Unternehmung, deren Ziel es war, die höchsten Berge der Welt zu identifizieren und zu benennen. Verantwortlich war eine mit Heeresoffizieren besetzte Behörde, der India Survey. Ihre Aufgabe war es zuverlässige Karten zu erarbeiten.

Theo mit 1100 PfundMan begann damit, eine Reihe von Triangulierungsnetzen anzulegen, welche das gesamte Land überdecken und ein Serie von Fixpunkten liefern würden, die ihrerseits dann die Basis für Karten bilden sollten. Eine weitere Aufgabe war die Darstellung des „Great Arc of India“, ein nicht weniger ehrgeiziges Projekt, durch welches man hoffte, in der Lage zu sein, die wirkliche Form der Erde zu errechnen, von der man annahm, dass sie  an den Polen flach sei und keine exakte Kugel darstellte. Mit ihren geeichten Ketten und Messstangen und ihren riesigen Theodoliten, die so schwer waren, dass zwölf Männer sie tragen mussten, arbeiteten sich die Vermessungstrupps allmählich nach Norden vor. Um 1830 hatten sie die Hügel am Fuß des Himalaja erreicht. Jenseits der Grenze in Nepal sah man manchmal schneebedeckte Gipfel, die über Kämme der dazwischenliegenden Ketten hinausragten. Die Briten vermuteten, dass diese fernen Gipfel die höchsten der Erde seien.

Beeindruckt durch „diese gewaltigen Berge“ entschlossen sich die Geodäten, ihre genaue Höhe zu ermitteln. Zu ihrer Enttäuschung war aber jede Reise weiter nach Norden unmöglich. Nepal verweigerte die Genehmigung, dass Landvermesser das Land betreten durften mehrfach.

So waren die Briten gezwungen, ihre Beobachtungen vom Terai aus zu machen, einem Landstrich parallel zum Himalaja. Sie begannen damit, eine neue Reihe von Basislinien zu markieren, zwischen denen Beobachtungsposten lagen, dreißig Fuß hoch und aus Lehmziegeln erbaut. Die Bedingungen waren schlimm: Von fünf nacheinander tätigen Vermessungsoffizieren starben zwei, und weitere zwei mussten aus gesundheitlichen Gründen abgezogen werden. Auch der fünfte bekam Malaria und sollte auf einer Bahre zum Krankenhaus getragen werden, doch er starb vor der Ankunft.

Unerschrocken begann das britische Team 1847 mit detaillierten Beobachtungen der großen Himalajagipfel. Die Schwierigkeiten blieben riesig. Die Entfernungen waren enorm und betrugen bis zu 150 Meilen. Das Wetter beschränkte sich auf die letzen drei Monate jedes Jahres, wenn die Wolken den Blick auf die Berge freigeben. Einer der Gipfel, der Surveyor General Waugh am meisten interessierte, war der Kangchenjunga, der bis dahin als der wahrscheinlich höchste der Erde galt. Dahinter, etwa 140 Meilen entfernt, sah Waugh einen anderen schneebedeckten Gipfel, der höher aussah. 1848 schickte Waugh den Vermessungsoffizier Nicolson in das Terai, um Ansichten aus größerer Nähe zu erlangen. So konnten mehrere Beobachtungen aus bis zu 108 Meilen Entfernung gemacht werden. Obwohl damals noch nicht bekannt, hatten er die Beobachtung fertiggestellt, die Gipfel „b“ als den höchsten der Berg der Erde auswiesen. Das Zahlenmaterial war eindrucksvoll: Er hatte für Gipfel „b“ ein durchschnittliche Höhe von etwa 30200 Fuß ermittelt, und obwohl noch keine Korrekturen für Lichtbrechung (durch welche die Höhe größer erscheint) vorgenommen worden waren, ergab sich eine erheblich größere Höhe als für den Kangchenjunga. Aber Nicholson konnte trotzdem nicht den Anspruch erheben, gerade den höchsten Gipfel der Erde entdeckt zu haben, denn er hatte keine Ahnung, welche Höhe seine Kollegen anderswo ermittelt hatten. Dann erkrankte er an Malaria und musste nach Hause zurückkehren. Erst 1854 begann Waugh an den Zahlen Nicholson zu arbeiten. Infolge dessen wurde Gipfel „b“ in Gipfel XV umbenannt.

Waugh und sein Stab arbeiteten fast zwei Jahre an ihren Auswertungen. Sie rangen mit enormen Problemen bei der Berechnung, vor allem, weil sie keine Vorstellung über die erforderlichen Korrekturen hatten, die wegen der Temperatur und des barometrischen Drucks bei diesen enormen Entfernungen vorzunehmen waren. Sie hatten die Befürchtung, die große gravitätische Anziehung des Himalaja könnte ihre Ausrüstung verformt haben. Aber im März 1856 gab Waugh seine Erkenntnisse an seinen Stellvertreter in Kalkutta bekannt. Die entscheidenden Zahlen: Gipfel IX(Kangchenjunga) maß 28156 Fuß, Gipfel XV maß 29002 Fuß (8840 m). „Er ist“, schloss Waugh, „höchstwahrscheinlich der höchste Berge der Erde“. Schon erstaunlich wie genau 1849 Höhenwinkel bestimmt wurden (Anm. der Red.).

Die Frage, welchen Namen der Gipfel erhalten sollte, war offen. Die Behörde hatte sich, zum Teil wohl, um die Anschuldigung abzuwehren, sie sei lediglich ein Anhängsel der britischen Regierung, auf die Beibehaltung der lokalen Namen festgelegt. Daher Kangchenjunga oder Dhaulagiri. Aber für Gipfel XV, so argumentierte Waugh jetzt, gab es keinen Namen.

Sir George EverestIn Wirklichkeit gab es jedoch ein Menge Namen. Am meisten verbreitet war Chomolungma. Trotz vieler Stimmen für Chomolungma war Waugh völlig auf einen anderen Namen fixiert. Fast sophistisch argumentierte er, bei so vielen lokalen Namen sei es peinlich, einen bestimmten unter ihnen auszuwählen, und er schlug vor, den Gipfel XV nach seinem Vorgänger im Amt des indischen Surveyor Generals – George Everest – zu benennen.
Everest kam erstmals 1803 nach Indien. Er übernahm 1823 den Great Trigonometrical Survey und wurde schließlich 1830 Surveyor General. Er vollendete auch den Great Arc of India, und er war es, der den Bau der riesigen Theodoliten überwachte, die für den Erhalt der entscheidenden Messungen der Himalajakette und darunter des Gipfels XV von vitaler Bedeutung waren.

Waughs Entschiedenheit, Everests Namen zu benutzen, hatte mehr als einen ironischen Aspekt. Der erste Bestand darin, dass Everest selbst in der Annahme von Ehrenbezeigungen zurückhaltend war. Weiterhin gehörte Everest zu denen, die entschieden darauf drangen, dass die Himalajagipfel ihre lokalen Namen behalten sollten, und er protestierte vehement, als er von Waughs Vorschlag hörte. Das Wort Everest kann durch „die Eingeborenen von Indien“ nicht ausgesprochen werden, auch kann es in Hindi nicht geschrieben werden. Doch Waugh setzte sich durch, und 1865 – gerade ein Jahr bevor Everest selbst starb – entschied sich die Royal Geographical Society offiziell für Mount Everest als Name des höchsten Berges der Welt.

Auch Waugh gebührt große Ehre: Seine Errechnung der Höhe des Everest, 8840 m, auf der Grundlage von Beobachtungen unter erschwerten Bedingungen, blieb fast 100 Jahre lang die allgemein anerkannte Zahl. In den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts errichteten indische Geodäten ein neue Kette von Triangulationspunkten nach Nepal hinein und kamen dem Berg sehr viel näher als die Briten. Ihre neue Zahl von 8848 Meter war um weniger als ein Prozent höher als die Zahl von Waugh.

Selbst nach neuen Vermessungsmethoden unter Einsatz von Satelliten in den achtiziger Jahren blieb es bei den alten Zahlen. Die neuesten Berechnungen stammen von dem amerikanischen Kartographen Bradford Washburn. Im Mai 1992 platzierte eine amerikanische Expedition ein GPS auf dem Gipfel, wodurch Messungen möglich wurden, die mit 8846 m einen Wert ganz nah an den früheren Höhenwerten ergaben. „Wir alle zollen größte Bewunderung und Hochachtung den Arbeitsergebnissen der Pioniere des neunzehnten Jahrhunderts“, meint Washburn.

Die Messung 8850 Meter aus dem Jahr 1999 muss sich erst noch bestätigen.

 

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